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SPD Dreieich
Rede von Bürgermeister Dieter
Zimmer
zum Neujahrsempfang der SPD Dreieich am 13.01.2012
(Es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Vereinsvertreterinnen und -vertreter,
liebe Gäste beim SPD-Neujahrsempfang 2012,
„Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von
uns ab, von uns allen“. Mit diesem Zitat des Philosophen
Karl Popper, mit seiner Auforderung zum Handeln, möchte
ich Sie, meine Damen und Herren, heute Abend hier ganz
herzlich begrüßen.
Ich freue mich, dass wir uns gleich zu Beginn des neuen
Jahres treffen und den bewährten Austausch mit
Ihnen fortsetzen. Ein Austausch, der mir persönlich
sehr wichtig ist, nicht nur heute, sondern das ganze
Jahr über.
Der Jahreswechsel lädt dazu ein, noch einmal zurück
– sowie vor allem nach vorn zu blicken. Wie können
wir Zukunft gestalten? Was können wir tun, jeder
an seinem Platz, aber auch gemeinsam, damit sich Dreieich
im Jahr 2012 positiv entwickelt?
Ein ereignisreiches und schwieriges Jahr liegt hinter
uns, ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Sehr viel ist
passiert im letzten Jahr, viel passiert in der Welt,
in Europa, in Deutschland aber auch bei uns hier in
Dreieich, es ist vieles geschehen, was uns stark bewegte
oder Betroffenheit auslöste.
Für Deutschland war es ein Jahr mit vielen Landtags-
und Kommunalwahlen. Auch hier in Dreieich haben die
Kommunalwahlen Veränderungen in der politischen
Landschaft mit entsprechenden Veränderungen in
der Stadtverordnetenversammlung gebracht. SPD, CDU und
Grüne/BI sind fast gleich stark. Zwei neue Gruppierungen
mit allerdings nur je einer Stadtverordneten und damit
ohne Fraktionsstatus, sind dazugekommen. Eine solche
Zusammensetzung stellt damit ein Novum in der Geschichte
unserer Stadt dar, ebenso ein Novum, dass nach einer
Wahl kein Regierungsbündnis vereinbart wurde. Dies
auch aus der – wie ich meine – positiven
Erfahrung der letzten Jahre mit „wechselnden Mehrheiten“
heraus. Damit haben aber auch alle Fraktionen eine besondere
Verantwortung übernommen: Keiner kann und darf
sich in einer solchen Konstellation nur als Opposition
fühlen und danach handeln.
Aber meine Damen und Herren, die politische Landschaft
am stärksten verändert hat das Ergebnis der
Wahl in Baden-Württemberg. Bündnis 90/Die
Grünen erhielten so viele Stimmen, dass sie mit
der SPD erstmals eine grün-rote Koalition bilden
konnten, und mit Winfried Kretschmann bekamen wir den
ersten grünen Ministerpräsidenten. Dazu beigetragen
hatte vor allem die erneute Debatte um die Kernenergie.
Fast genau 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von
Tschernobyl ist es im März 2011 erneut zu einer
Havarie in einem Atomkraftwerk gekommen. Als Folge eines
der schlimmsten Erdbeben in Japan und eines Tsunamis
mit haushohen Wellen geriet das Atomkraftwerk Fukushima
außer Kontrolle. Die dramatischen Bilder haben
wir alle sicherlich noch gut vor Augen.
Diese Katastrophe in einem vermeintlich sicheren Kernkraftwerk
veranlasste die Bundesregierung, die Laufzeitverlängerung
für Atomkraftwerke zurückzunehmen und bis
2022 aus der Atomenergie auszusteigen. Ein Beschluss,
der – wie ich meine – längst überfällig
war und ich frage mich, musste es dafür erst zu
einer solchen weiteren furchtbaren Katastrophe kommen?
Die Energiewende, sehr geehrte Gäste, ist eine
der Entscheidungen aus dem Jahr 2011, die unser Land
spürbar verändern. Zu den weiteren Entscheidungen
gehören auch die Aussetzung der Wehrpflicht bzw.
die Schaffung einer Freiwilligenarmee sowie der Ausbau
neuer Freiwilligendienste als Ersatz für den Zivildienst.
Das betrifft nicht nur unser Angebot an sozialen Dienstleistungen,
sondern auch die Zukunftsplanung vieler junger Menschen.
Die Frage nach Zukunftsperspektiven stand im Jahr 2011
weltweit für viele insbesondere junge Menschen
im Vordergrund. Für die meisten unvermutet, kam
es gleich zu Beginn des Jahres in einer Reihe von Staaten
in Nordafrika und im Nahen Osten zu Großdemonstrationen,
bei denen die Forderungen nach Freiheit und Demokratie
eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht wurden. Eine Entwicklung,
die bis vor wenigen Jahren noch schier undenkbar gewesen
ist.
Es bleibt abzuwarten, ob und wie der „Arabische
Frühling“ die Lebensverhältnisse für
die Menschen letztlich tatsächlich und spürbar
verändern und verbessern wird.
Um die nackte Existenz rangen Menschen am Horn von Afrika.
Ausgelöst von lang anhaltender Dürre und einem
Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg herrschte
dort eine der schlimmsten Hungersnöte seit Langem,
die Millionen Menschen – unter ihnen viele Kinder
– betraf. Auch hier haben uns die Bilder von hungernden
und vom Tod gezeichneten Kindern aufgeschreckt und eine
große Spendenbereitschaft ausgelöst.
Im Juli waren wir wohl alle fassungslos angesichts des
Doppelanschlags in Oslo. Binnen weniger Stunden brachte
ein Einzeltäter erst in der norwegischen Hauptstadt
und dann auf einer kleinen Insel 77 zumeist noch sehr
junge Menschen um. Die Opfer waren Anhänger der
norwegischen Arbeiterpartei, die für eine offene,
auch Fremde integrierende Gesellschaft eintritt. Der
Attentäter war von eindeutig rechtsradikalen und
islamfeindlichen Ideen geprägt, die er auch noch
kurz vorher ins Internet gestellt hatte. Ideen mit ähnlichen
Inhalten werden immer wieder im Internet verbreitet,
auch in Deutschland. Daher müssen wir uns fragen,
wie viel Gewaltpotenzial in dieser Szene steckt. Die
Morde, die aus der rechtsradikalen Szene aus fremdenfeindlichen
Motiven heraus bei uns in Deutschland verübt wurden,
machen deutlich, wie organisiert und gefährlich
die rechte Szene heute ist. Und die Frage müssen
wir uns stellen: „Wie konnte sich diese Gefahr
in den letzten Jahren kontinuierlich unerkannt hier
entwickeln?“ Und wir müssen Antworten finden
und Entscheidungen treffen, wie wir diesen beängstigenden
Entwicklungen entgegen wirken können. Mit einem
Verbot der NPD alleine, wenn überhaupt durchsetzbar,
ist es nicht getan.
Ja, meine Damen und Herren, das letzte Jahr war neben
diesen weltweiten Vorgängen von schrecklichen Katastrophen
und Vorfällen jedoch vorrangig geprägt von
der Euro- und Schuldenkrise. Manche Daten boten Anlass
zu neuen Sorgen und Ängsten, andere waren erfreulich
wie selten. Denn während einerseits die Staatsschulden-
und Eurokrise immer weitere und beängstigendere
Kreise zog und immer neue Rettungsschirme aufgespannt
wurden, hielt andererseits der schon 2010 einsetzende
Aufschwung 2011 – wenn auch abgeschwächt
– weiterhin an.
Aber: Wie geht es weiter mit dem Euro, wie in Europa,
wie in Deutschland? Diese Fragen werden uns auch weiterhin
beschäftigen, haben diese doch auch Auswirkungen
auf die Städte und Gemeinden.
Und damit komme ich nun auch auf die kommunale Ebene
zurück. Die Ebene, die die Bürgerinnen und
Bürger am ehesten direkt vor Ort, quasi vor der
eigenen Haustür, berührt.
Noch nie war die Verschuldung der öffentlichen
Haushalte, also von Bund, Ländern und Kommunen,
so hoch wie derzeit, nämlich über 2 Billionen
Euro, das sind über 2000 Milliarden Euro. Eine
Zahl, die eigentlich jenseits unserer Vorstellungskraft
liegt. Täglich müssen für diese Verschuldung
fast 170 Mio. Euro Zinsen aufgebracht werden. Geld ,
das für Bildung und für die notwendige Infrastruktur
fehlt. Trotz eines guten Wirtschaftswachstums und zurückgehender
Arbeitslosigkeit kommen die staatlichen Haushalte nicht
ohne immer neue Schulden aus.
Meine Damen und Herren, auch in Dreieich ist im letzten
Jahr viel passiert und vieles auf den Weg gebracht worden.
Schuldenbremse, Kienbaum, Haushaltskonsolidierung, Straßenbeitragssatzung,
das sind Themen, die die öffentliche Diskussion
im letzten Jahr maßgeblich bestimmt haben. Wir
haben Entscheidungen treffen und auch vorbereiten müssen,
die für uns alle, für Politik, Verwaltung,
Vereine und somit für viele Bürgerinnen und
Bürger in irgendeiner Weise Einschränkungen
und Veränderungen bedeuten.
Dreieich hat wie die meisten Städte und Gemeinden
(wie auch Bund und Land) eine sehr schwierige finanzielle
Situation, eine finanzielle Schieflage, die viele Gründe
hat und ein besonnenes, aber unumgänglich notwendiges
Handeln erforderlich macht. Nicht jede Entscheidung
wird auf Zustimmung und Verständnis stoßen.
Aber wenn alle Bereiche ihren Beitrag einbringen und
damit zur Solidarität beitragen, werden wir, wird
unsere Stadt, davon profitieren.
Eine starke und erfolgreiche Wirtschaft in Dreieich,
wie dies gerade im letzten Jahr erfreulicherweise verzeichnet
werden konnte, kann und wird uns auf unserem Weg unterstützen.
Aber selbst bei weiteren sehr guten Gewerbesteuereinnahmen,
wie im letzten Jahr, wird es nicht gelingen, in den
nächsten Jahren einen wie vom Gesetz geforderten
ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Von jedem Euro
Steuereinnahmen verbleiben nur gut 40 Cent, also nur
gut 40% in unserer Stadtkasse. Die Zins- und Tilgungsleistungen
aufgrund unserer Verschuldung betragen zusammen fast
6 Mio. Euro. Die Kinderbetreuung – insbesondere
die U-3-Betreuung – ist weiterhin auszubauen,
die Kreisumlage wird wahrscheinlich steigen und das
Land fordert auch weiterhin eine „Kompensationsumlage“,
immerhin in Höhe von jährlich 700.000 Euro.
Auf weitere äußere Einflüsse und Details
möchte ich hier und heute nicht weiter eingehen.
Das würde den Rahmen sicherlich sprengen.
Deshalb müssen wir die in den vergangenen Jahren
bereits begonnen Sparmaßnahmen und Ausgabekürzungen
unbeirrt fortsetzen. Die Stadtverordnetenversammlung
hat daher entschieden, mindestens 5 Mio. Einsparungen
zu erreichen und sich dazu externer Hilfe zu bedienen.
Das beauftragte Unternehmen hat im letzten Januar seine
Arbeit aufgenommen und im Juni sein Ergebnis vorgelegt,
einen Katalog mit 101 Maßnahmen, Maßnahmen,
die nahezu alle Bereiche betreffen.
Wie gesagt, erste Entscheidungen hat die Stadtverordnetenversammlung
getroffen. Entscheidungen, die in erster Linie die Verwaltung
in hohem Maße betreffen. Hier geht es um einen
Stellenabbau von zunächst über 20 Stellen
in den nächsten Jahren. Weitere werden Folgen.
Allen muss aber auch klar sein, dass dies nicht ohne
Abbau von Leistungen auch und gerade im Servicebereich
machbar ist. Somit werden auch diese Kürzungen
die Bürgerinnen und Bürger mittelbar in irgendeiner
Weise betreffen.
Aber auch Gebührenerhöhungen wurden beschlossen,
so etwa im Bereich der Kindertagesstätten. Eine
Entscheidung, die vielen nicht leicht gefallen ist und
für nicht wenige Eltern eine schmerzliche Belastung
darstellt. Wir haben dafür aber auf einen Personal-
und/oder Standardabbau in diesem Bereich verzichtet.
Derzeit erarbeitet der Magistrat eine Beschlussvorlage
zum Maßnahmenkatalog II, in dem weitere –
für die betreffenden Bereiche sicherlich schmerzliche
– Veränderungen vorgesehen sind. Auch hier
will ich jetzt nicht auf Einzelheiten eingehen, das
würde zu weit führen. Wichtig ist es, wie
ich meine, dass möglichst viele Bereiche mit einbezogen
werden. In vielen Gesprächen mit Bürgerinnen
und Bürgern wird immer wieder deutlich, dass Verständnis
und die Notwendigkeit für die Haushaltskonsolidierung
gesehen wird. Wenn es dann aber an den eigenen Bereich
geht, wird es dann schon schwieriger. Trotzdem möchte
ich an dieser Stelle gerade den Vereinen, also Ihnen,
danken für das bislang auch mir entgegengebrachte
Vertrauen und Verständnis und die Fairness im Umgang
und in der Zusammenarbeit.
Meine Damen und Herren, Kommune heißt Gemeinschaft.
Sie funktioniert am besten, wenn sich viele daran beteiligen,
ihre Stadt für die Bewohnerinnen und Bewohner attraktiv
zu machen bzw. zu halten. Deshalb bin ich sehr froh,
dass es in Dreieich viele Menschen gibt, die sich für
das Gemeinwesen einsetzen oder sich für andere
einsetzen. Einsetzen auch dann, oder auch gerade dann,
wenn es schwieriger wird, wenn die Stadt nicht mehr
wie im bisher gewohnten Umfang Leistungen und Unterstützung
bieten kann.
Vieles von dem, was unsere Stadt lebenswert macht, geht
auf das gemeinsame Wirken verschiedenster Gruppen oder
Interessenvertreter zurück sowie auf bürgerschaftliches
Engagement. Sie kümmern sich um Bedürftige
und halten unsere Vereine am Laufen.
Unsere Stadt hat vieles zu bieten, Dreieich hat viele
Stärken und Qualitäten und dazu trägt
auch jeder unserer Stadtteile bei. Viele Menschen finden
hier ein gutes Lebensumfeld und eine gute Lebensqualität,
die den Vergleich mit anderen Kommunen nicht zu scheuen
braucht.
Ich persönlich bedaure, dass unser Stadt viel zu
oft nur als Stadt mit vielen Schwierigkeiten und Problemen
und mit der Aussage, „uns geht es schlecht“
dargestellt wird. Nein, uns geht es nicht „schlechter“
als anderen Kommunen, und wir werden auch nach den Konsolidierungsmaßnahmen
noch eine großartige Stadt mit vielen Vorteilen
und Vorzügen sein. Wir dürfen auch dann noch
stolz sein auf ein hervorragendes und gutes Angebot
wie etwa im sozialen und kulturellen Bereich, aber auch
in anderen Bereichen – z.B Photovoltaikanlage
Buchschlag, Ausbau Kinderbetreuung, Schule, Dreieich
als Schul- und Bildungsstandort.
In Dreieich leben und arbeiten Menschen aus über
100 Nationen und mit verschiedenen Religionen friedlich
und freundschaftlich zusammen. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit,
und dass dies so ist und so bleibt, dafür müssen
und werden wir uns auch weiterhin gemeinsam einsetzen.
Kriminalität und Gewalt sind bei uns erfreulicherweise
in den letzten Jahren zurückgegangen. Dies hat
uns beispielsweise jüngst der Polizeipräsident
bestätigt – und ich nehme dies auch als Lob
für uns alle. 212 Vereine mit weit über 20.000
Mitgliedern bieten in Dreieich mit einem lebendigen
und regen Vereinsleben zahlreiche und vielfältige
Angebote für alle, für jung und alt, für
groß und klein an und haben ein großes Ansehen
in unserer Stadt. Auch dies ist keine Selbstverständlichkeit.
125 Jahre SKG Sprendlingen, 125 Jahre Feuerwehr Offenthal,
100 Jahre Odenwaldklub Dreieichenhain um nur einige
Traditionsvereine zu nennen.
„Wir leben gerne in Dreieich“, dies höre
ich oft und natürlich auch gerne und dies sollten
wir bei allen Schwierigkeiten und Problemen auch nicht
vergessen. Ich denke, es ist wie im persönlichen
Leben: Auch wenn nicht alle Wünsche erfüllt
werden können, dürfen und können wir
uns doch über das Bestehende im Großen und
Ganzen freuen, auch wenn die Freude im Einzelnen zukünftig
etwas zurückhaltender ausfallen dürfte.
„Wir leben gerne in Dreieich“, und dass
dies so ist, ist in großem Maße auch Ihnen
und Ihrem Engagement in den Vereinen und Organisationen
zu verdanken. Unsere Vereine tragen zur großartigen
Vielfalt und Lebensqualität in unserer Stadt in
besonderer und immer wieder beeindruckender Weise bei.
Und deshalb möchte ich mich zum Jahreswechsel einmal
mehr, ganz herzlich bei Ihnen allen bedanken, besonders
aber auch für Ihre faire, sachliche und konstruktive
Unterstützung und Zusammenarbeit. Die Stadt Dreieich
– jede Stadt – braucht Menschen wie Sie.
Lassen Sie uns gemeinsam auch weiterhin an der erfolgreichen
Zukunft für unsere Heimatstadt arbeiten. Trotz
aller Schwierigkeiten – ich freue mich darauf.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesundes,
ein frohes und erfolgreiches Jahr 2012.
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